Bilaterale: Die Vergiftung. Ein Herbst-Essay.

Herbst-Essay: Wenn sich Bürger und Staat fremd werden.
Ein Jahr lang haben wir uns mit den Verträgen des Pakets Schweiz-EU befasst. Mit Artikeln, Annexen und Seitenzahlen. Irgendwann wurde mir klar, dass mich etwas anderes mindestens so sehr beschäftigt wie die Mechanik der Abkommen: wie sich dabei die Beziehung zwischen uns Bürgern und unserem Staat verändert hat.
Darüber habe ich diesen Essay geschrieben. Er ist kein Gutachten, sondern ein Erfahrungsbericht. Im ersten Teil erzähle ich, wie ich den Austausch mit Behörden und Bundesrat über viele Jahre erlebt habe. Unaufgeregt, manchmal unbequem, aber auf Augenhöhe. Ein Bürger schreibt, und der Staat antwortet. So kannte ich die Schweiz.
Der Titel ist bewusst stark gewählt. Gift wirkt nicht auf einen Schlag, sondern schleichend. Es sind kleine Erfahrungen, die sich summieren: eine Antwort, die ausbleibt, eine Eingabe, die nicht zählt, ein Gesuch, das abgewiesen wird. Jede für sich lässt sich erklären. Zusammen ergeben sie ein Bild, das mich als Bürger beunruhigt. Und ich glaube nicht, dass ich damit allein bin.
Im zweiten Teil beschreibe ich den Bruch, den ich heute wahrnehme. Rund um das Paket haben sich Muster gezeigt, die ich so nicht erwartet hätte. Wer kritische Fragen stellt, wird aus meiner Sicht eher als Störfaktor behandelt denn als Teil des Souveräns, dem die Regierung verpflichtet ist. Im dritten Teil lege ich die Dokumente vor, auf die sich diese Einschätzung stützt.
Dazu gehören zwei Anhänge. Der erste zeigt einen Briefwechsel mit dem Bundesrat aus den Jahren 2008 und 2010, als Gegenstück zu heute. Der zweite dokumentiert den Schriftverkehr zu einem Gesuch nach dem Öffentlichkeitsgesetz aus dem Jahr 2026. Die Namen der beteiligten Personen habe ich bewusst weggelassen. Meine Kritik richtet sich an die Institutionen, nicht an Menschen, die ihre Arbeit nach den geltenden Regeln tun. Die Gegenüberstellung spricht aus meiner Sicht für sich.
Den Zeitpunkt der Veröffentlichung haben wir bewusst gewählt. Der Essay erschien am 18. September 2026, kurz vor der Debatte im Ständerat über die Art des Referendums zum Paket. Ob am Ende das Ständemehr gilt oder nicht, ist für mich keine Formalie. Es ist die Frage, wie ernst der Staat seine Bürgerinnen und Bürger und seine Kantone nimmt.
Mir ist bewusst, dass die Behörden diese Vorgänge anders einordnen und formal korrekt gehandelt haben. Doch Vertrauen entsteht nicht aus formaler Korrektheit allein. Es entsteht, wenn sich Bürger und Staat gegenseitig ernst nehmen. Davon handelt dieser Text. Und davon, wie einfach das Gegengift eigentlich wäre.
Roland Voser, 15. Oktober 2026
Paket Schweiz-EU: Die Vergiftung.
Der Herbst-Essay in drei Teilen, mit zwei Anhängen zum Schriftverkehr zwischen Bürger und Staat.
Seit 2018 Chief Editor, Mitbegründer und Teilhaber von smartmyway. Vorher Geschäftsführer von Media Markt E-Commerce AG, Media Markt Basel AG und Microspot AG, Geschäftsleitungsmitglied bei Interdiscount AG und NCR (Schweiz) AG sowie Managementberater bei AWK AG. Heute Autor mit Schwerpunkt auf politischen Analysen und fiktiven Geschichten.



