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Diese Seite beinhaltet das nachhaltige Anbau- und Bewirtschaftungskonzept für kleine Weinberge.

Pilotkonzept Weinberg «Merbec 2.0»

Reduktion des Pflanzenschutzes bei gleichbleibender Weinqualität.

1. Einführung

Die smartmyway ag hält die Rechte für die Marke Merbec, ein Kunstwort aus Merlot & Malbec. Mit einer gemeinsamen Vergärung der beiden Rebsorten konnte auch auf 545 Meter über Meer in den Ronchi di Cademario ein überdurchschnittlich attraktiver Wein gekeltert werden, der auf der konventionellen Bewirtschaftung basiert.

Das Unternehmen ist als Impulsgeber positioniert und realisiert dazu Tätigkeiten in verschiedenen Bereichen. Das vorliegende Projekt dient ausdrücklich nicht der Markenvermarktung, sondern ist als unabhängiges Pilotprojekt mit offenem Wissenstransfer konzipiert. Mit dem Pilotprojekt «Merbec 2.0» sollen eine qualitativ ebenbürtige sowie nachhaltige Merbec-Erweiterung realisiert werden. Die praktischen Erkenntnisse sollen den Weinbau auf Kleinflächen mit neuen, übertragbaren Impulsen anregen.

2. Ausgangslage

Der klassisch monokulturelle Weinbau im Tessin ist klimatisch begünstigt, steht jedoch zunehmend unter Druck durch hohe Niederschläge in der Blütezeit, feuchtwarme Sommer und vermehrte Extremwetterereignisse. 

Der Krankheitsdruck durch Peronospora («Falscher Mehltau»), Oidium («Echter Mehltau») und Botrytis («Grauschimmel») ist entsprechend hoch. In der Praxis resultiert dies in sehr hohen Pflanzenschutzfrequenzen oder teilweisen Ernteausfällen. 

Dazu wurde der Weinanbau der letzten Jahre erheblich durch invasive Arten wie Essigfliege (Drosophila suzukii) und Japankäfer erschwert, was wiederum aufwändige Gegenmassnahmen erfordert.

In unmittelbarer Nachbarschaft des Projektstandorts waren im Jahr 2025 bis zu 11 Spritzungen notwendig, um eine akzeptable Ernte zu erzielen.

Bei Hobby-Weinbauern (bis 200 Pflanzen pro Parzelle) werden vereinzelt noch Herbizide eingesetzt, um den Pflegeaufwand bzw. Grasmähen zu reduzieren. 

3. Aufgabenstellung

Es ist eine Anbaumethode gesucht, die den Zielkonflikt zwischen nachhaltiger Produktion und konkurrenzfähiger Weinqualität löst.

Dazu besteht ein klassisch bewirtschafteter Referenzweinberg mit rund 200 Pflanzen, aus dem ein Merbec (70 % Merlot, 30 % Malbec) gekeltert wird (Cademario, Parzellen 646, 648, 649). Dieser Wein dient als sensorischer und qualitativer Benchmark und wird weiterhin konventionell bewirtschaftet.

Die neue Rebfläche soll ebenfalls 200 Rebstöcke auf drei bereits erstellten Terrassen umfassen (Cademario, Parzelle 625).

Dazu ist das Anbau- und Bewirtschaftungskonzept gesucht, das insbesondere für Tessiner Hobbywinzer impulsgebend und umsetzungstauglich ist. Hobbywinzer im Sinne dieses Projekts meint: Bewirtschafter kleiner Rebflächen ohne primäre Erwerbsabsicht, häufig mit hohem persönlichem Engagement, viel manueller Arbeit und begrenzten technischen Ressourcen.

4. Zielsetzung

Ziel ist die Produktion eines hochwertigen Rotweins, der in Klasse, Struktur und Anmutung mit dem bestehenden Merbec vergleichbar ist, bei gleichzeitig massiver Reduktion des Pflanzenschutzaufwands.

Gezählt werden ausschliesslich direkte Pflanzenschutzapplikationen gemäss kantonaler Definition. Bodenhilfsstoffe, natürliche Schädlingsbekämpfungsmassnahmen und Nützlingsfördermassnahmen sind davon ausgenommen.

Konkret:

  • Pflanzenschutzaufwand 0–4 Behandlungen pro Jahr

  • Ein Wein, ein Fass, minimale Kellerkomplexität

  • Vergleichbare sensorische Qualität zum Merbec

5. Lösungsidee

Einsatz pilzwiderstandsfähiger Rebsorten (PIWI = pilzwiderstandsfähige Rebsorten), die für Schweizer Bedingungen entwickelt wurden und damit Reduktion des Pflanzenschutzaufwands ohne Qualitätsverzicht:

  • ca. 55% Prior – Saftigkeit, Rundung, Trinkfluss (Merlot-Funktion) – entwickelt 1987 von Norbert Becker am staatlichen Weinbauinstitut Freiburg (Deutschland) aus einer Kreuzung Joannès-Seyve 23-416 x Bronner

  • ca. 25% Divico – Farbe, Struktur, Tiefe (Malbec-Funktion) – gezüchtet 1996 am Forschungszentrum Agroscope in Pully (Schweiz) aus einer Kreuzung Gamaret x Bronner

  • ca. 20% Cabernet Jura – Aromatik, Spannung, Länge – gezüchtet ab 1980 von Valentin Blattner, ein Weinbau-Forscher und Rebsortenentwickler aus dem Jura

Mischanbau mit bereits im Weinberg verteilten Pflanzen:

  • Offene, gut durchlüftete Laubwand inkl. frühes Entblättern der Traubenzone

  • Keine routinemässigen Behandlungen, Eingriffe nur bei klar definierten Risikophasen, 0-4 Behandlungen pro Saison

  • Unterbrechung der Monokultur durch Mischpflanzung und Aufbau eines stabilen Nützlingsnetzes

  • Integration essbarer Pflanzen, wo sie funktional wirken und den Rebberg nicht konkurrenzieren

  • Zusätzliche Massnahmen bei Bedarf, solange sie nachhaltig/natürlich sind, um damit Nützlinge zu fördern und Schädlinge zu stören sowie zusätzlichen Ertrag realisieren

Da die Reduktion des Pflanzenschutzes durch PIWI-Sorten primär auf Fungizide zielt, wird gegen invasive Schädlinge (Japankäfer) auf ein präventives Monitoring und biologische Massnahmen gesetzt (z.B. Lockstofffallen). Die geplante Diversität der Begleitflora soll die Ansiedlung natürlicher Gegenspieler fördern. Falls Behandlungen nötig sind, beschränken sich diese auf im Biolandbau zugelassene Mittel innerhalb des 0–4-Behandlungsfensters.

Vergärung in einem Tank (Co-Fermentation zur besseren sensorischen Integration der PIWI-Sorten) und Ausbau in einem gebrauchten Barrique-Fass.

6. Bepflanzungsskizze

Neben der Rebbepflanzung werden gezielt funktionale Begleitpflanzen integriert, um Biodiversität, Nützlingsförderung und Systemstabilität zu erhöhen. Die Auswahl erfolgt bewusst nach agronomischer Funktion (Nützlingsförderung, Bodenverbesserung, Unterbrechung von Schädlingszyklen) und nicht nach dekorativen Kriterien.

Gesamtfunktion der Begleitpflanzen:

  • Förderung und Stabilisierung von Nützlingspopulationen zur Reduktion des Schädlingsdrucks (u. a. Essigfliege, Japankäfer)

  • Verbesserung der Bodenstruktur, Durchwurzelungstiefe und Wasserhaltefähigkeit

  • Reduktion von Bodenverdunstung und feuchten Mikroklimata in der Traubenzone

  • Funktionale Integration essbarer Pflanzen ohne Konkurrenz zur Rebe

Hinweis zur Etablierung: In den ersten 24–36 Monaten steht die Wurzelbildung der Reben im Vordergrund. Die Begleitvegetation wird im unmittelbaren Unterstockbereich (Radius ca. 30 cm) mechanisch mittels Mähens reguliert, um die Wasser- und Nährstoffkonkurrenz in der Anwachsphase zu minimieren

Zur Vereinfachung werden im Folgenden 195 Pflanzen gerechnet und damit pro Terrasse 65 Rebstöcke gepflanzt. Diese sind gedanklich von links nach rechts von 1 bis 65 nummeriert.

Schematische Darstellung

Terrasse 1 – Oberste Terrasse (Struktur- und Aromatikterrasse)

Rebensorten – Prior: 1–26 (26 Stück) und Cabernet Jura 27–65 (39 Stück), Funktion: Rückgrat des Weins mit zusätzlicher aromatischer Spannung und Resilienz.

Begleitpflanzen:

  • Terrassenrand: Lavendel, Rosmarin, Schafgarbe (Dauerstruktur)

  • Zwischen den Reben punktuell: Knoblauch, Schnittlauch

  • Unterwuchs / Einsaat: Weisser Klee (dosiert), Phacelia (zeitlich gestaffelt)

  • Böschung: Johannisbeeren (alternativ Himbeeren oder Stachelbeeren)

Funktion:

  • Förderung von Bestäubern und parasitischen Nützlingen

  • Verbesserung der Bodenstruktur

  • Unterbrechung von Schädlingszyklen

Terrasse 2 – Mittlere Terrasse (Struktur- und Nützlingsterrasse)

Rebensorten – Prior: 1–16 (16 Stück) und Divico 17–65 (49 Stück), Funktion: Struktur, Tiefe und Farbe des Weins bei gleichzeitiger Förderung parasitischer Insekten, Zusatzfunktion: Einsatz von spezifischen Blühstreifen (z.B. mit Koriander oder Dill), um Schlupfwespen und Florfliegen zu fördern, die als natürliche Gegenspieler zur Drosophila suzukii fungieren.

Begleitpflanzen:

  • Terrassenrand: Thymian, Oregano

  • Blühstreifen (alle ca. 10 Rebstöcke): Ringelblume, Borretsch, Phacelia (gestaffelte Blüte) sowie Koriander und Dill

  • Unterwuchs punktuell: Weisser Klee

Funktion:

  • Kontinuierliches Nahrungsangebot für Nützlinge

  • Störung der Orientierung von Schadinsekten

  • Erhöhung der funktionalen Biodiversität

Terrasse 3 – Unterste Terrasse (Basisterrasse – Prior)

Rebensorten – Prior: 1–65 (65 Stück), Funktion: Sensorische Basis, Trinkfluss, Stabilität der Co-Fermentation. Prior als robuste Basissorte erlaubt hier bewusst eine stärker bodenaktive Begleitbepflanzung.

Begleitpflanzen:

  • Rand- oder Inselzonen: Kürbis, Zucchetti, Buchweizen (phasisch), Schafgarbe (Dauerstruktur)

  • Unterwuchs / Einsaat: Luzerne (stark dosiert und kontrolliert), Phacelia

  • Böschungen: Salbei, Lavendel, Mangold

Funktion:

  • Stabilisierung des Systems durch robuste Basissorte

  • Bodenschutz und Feuchteregulierung

  • Förderung robuster Nützlingspopulationen

7. Innovations- und Förderrelevanz

Die Schwerpunkte des Pilotprojekts für den Tessiner Weinbau sind:

  • Reduktion von Pflanzenschutzmitteln

  • Gesundheitsschutz der Bewirtschafter

  • Übertragbarkeit auf Kleinbetriebe

  • Kombination von PIWI, Biodiversität und Praxis

  • Hohes Potential der Weinqualität

Darüber hinaus ist die Rebfläche bewusst so konzipiert, dass sie als Demonstrations- und Lernfläche genutzt werden kann. Sie eignet sich für fachliche Beratung, Kurse, Feldbegehungen sowie den praxisnahen Wissenstransfer an Hobby- und Kleinwinzer.

Eine fachliche Begleitung durch die Azienda Agraria Cantonale di Mezzana bietet sich an.

8. Erwartete Resultate

  • Hochwertiger Rotwein mit Tessiner Identität

  • Vergleichbare Anmutung zum Merbec

  • Substanziell reduzierter Pflanzenschutz

  • Valide Entscheidungsgrundlage für zukünftige Rebflächen

  • Monitoring & Benchmarking:

    • Erstellung eines «Spritzkalenders» im direkten Vergleich zum Referenzweinberg

    • Eine jährliche sensorische Analyse (Blindverkostung) durch eine Fachjury, um die qualitative Parität zum konventionellen Merbec zu verifizieren

    • Sicherstellung gleicher Vergleichsgrössen (gleiche Leseparameter Zucker und Säure, gleicher Ausbauzeitraum, identische Fassart)

9. Zusammenfassung

Dieses Projekt soll zeigen, dass moderner Weinbau im Tessin Qualität, Gesundheit und Nachhaltigkeit verbinden kann. Durch gezielte Sortenwahl, strukturierte Mischpflanzung und konsequente Vereinfachung im Keller entsteht ein belastbares, förderwürdiges Modell für die Zukunft des Tessiner Weinbaus, insbesondere für das Segment der vielen engagierten Hobby-Weinbauern.

Gerade dieses Segment ist zahlenmässig relevant und übt in der Summe einen erheblichen Einfluss auf den Pflanzenschutzmitteleinsatz im Kanton aus. Entsprechend gross ist der potenzielle Hebel, den praxistaugliche, übertragbare Lösungen wie das vorliegende Projekt entfalten können.

Das Projekt versteht sich nicht als statisches Modell, sondern als dynamisches Lernfeld. Ziel ist die Erarbeitung eines «Blueprints» für Terrassenlagen, der zeigt, dass ökologische Resilienz und önologische Spitzenqualität keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig bedingen.

Das Pilotprojekt Weinberg Merbec 2.0 zeichnet sich aus durch:

  • klare Reduktionswirkung

  • Übertragbarkeit

  • geringe Skalierungshürden

  • Lern- und Demonstrationscharakter

  • keine Marktverzerrung (kein Marketingprojekt)


Anhang

  • Pflanzenlisten (Link)