be free. stay free. stay tuned.

Der Kriminalroman «Das Kreuz des Francesco Bernardi» ist der erste Fall des Tessiner Commissarios Francesco Bernardi. smartmyway veröffentlich die Fortsetzungsgeschichte von Roland Voser erstmals auf smartmyway.

 

Vorwort.

Die Auszeit des Tessiner Commissario Francesco Bernardi im Sottoceneri hätte ruhig und erholsam werden sollen. Doch dann geschieht ein verstörender Mord.

#Kriminalroman #Sommer2026

Eine Journalistin hat vor einigen Monaten geschrieben, man solle sich nicht zu lange mit dem Paket Schweiz-EU («Bilaterale III») befassen. Es würde einem aufs Gemüt fallen. Da hat sie recht, Politik ist alles andere als bekömmlich.

Hier also für Sie und uns der Ausgleich dazu. Wir haben uns überlegt, was wir schon immer einmal machen wollten, und hier ist er, unser erster Kriminalroman. Roland schreibt und Maurizio publiziert.

Wir veröffentlichen die Kapitel fortlaufend auf dieser Seite und kündigen sie auf dem LinkedIn-Profil von Roland Voser an («verbinden Sie sich gerne mit mir!»). Wir freuen uns über Ihre Kontaktaufnahme und jede Rückmeldung.

Wir wünschen Ihnen gute Lektüre!

Roland Voser & Maurizio Vogrig, 25. Juli 2026

Zurück zum Anfang

 

Impressum

© 2026 smartmyway ag
Alle Rechte vorbehalten.

smartmyway ag, Wiweg 5, 5105 Auenstein, Schweiz

Das Werk einschliesslich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Nutzung ausserhalb der Grenzen des Urheberrechts ist ohne schriftliche Zustimmung der smartmyway ag unzulässig.

Obwohl dieser Roman an realen Orten spielt, sind die Handlung sowie alle auftretenden Personen frei erfunden oder werden in fiktiver Weise verwendet. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen oder tatsächlichen Begebenheiten sind rein zufällig.

 

Für Mathias Gnädinger, unseren liebenswerten Basler «Hunggi», der ein wunderbarer Bernardi gewesen wäre.


 

Kapitel 1

Das weisse Zimmer

Bernardi schaut nochmals in die Akte. Die Buchstaben sind ihm vertraut, doch die Wörter ergeben keinen Sinn. Es könnte auch ein Kochrezept sein. Lässt ihn jetzt seine Kombinatorik im Stich? Er schaut hilflos von den Akten auf und zu den Kollegen. Niemand erklärt ihm etwas und wenn, dann sind es keine brauchbaren Informationen. Bernardi will sprechen. Doch seine Stimme ist tonlos. Am Ende des Korridors steht Giulia. Sie sagt etwas zu ihm, aber er kann sie nicht verstehen. Hinter ihr ist die Wand hell erleuchtet.

Bernardi wacht auf. Für einen Moment bleibt er reglos liegen. Dann hört er den Regen. Nicht heftig, eher ausdauernd. Er sucht die Akten aus dem Traum vergebens. «Immerhin war der Traum nicht besonders schwer zu deuten», denkt er und schaut zur hellsten Stelle des Raumes. Das Fenster ist weiss. Kein Milchglas. Der Nebelregen hat seine Wand direkt vor dem Glas aufgebaut. Keine Aussicht, die sich zu erwähnen lohnt.

Bernardi ist froh, dass er seine Filzpantoffeln eingepackt hat. Für den manchmal nasskühlen Tessiner Frühling sind sie eine nützliche Empfehlung. Er schaut ins Weisse und fragt sich, ob es wohl noch Frühstück gibt. Es ist allerdings bald nach 11 Uhr, und die beim Abräumen stets speditiveren Gastgeber haben ihr Werk wohl schon vollbracht. Also bleibt er noch liegen. Dann steht er auf, nur um sich gleich wieder zu setzen. Die Beine ausgestreckt, den gepolsterten Stuhl zum kleinen Balkon seines Zimmers ausgerichtet. Am Geländer hängen Regentropfen. Am Boden zucken ihre Einschläge und jene der von viel weiter oben herabfallenden Exemplare. Er beginnt sie zu zählen. Aber die Zahl ändert sich ständig. Also lässt er es. Ein Inventar ohne Nutzen.

Was jetzt? Da sitzt er hier in diesem Hotelzimmer. Francesco Bernardi, Commissario della Polizia Cantonale, stationiert im modernen Polizeiposten in der Nähe des Lidos in Locarno, hat sich hier im Sottoceneri im Kurhaus di Cademario einquartiert. Das Gebäude wurde in den letzten Jahren renoviert, hat sich aber den Charme eines Baus vom Anfang des letzten Jahrhunderts bewahrt.

Vor drei Wochen hat sich Bernardi im Spiegel betrachtet und festgestellt, wie alt er geworden ist. Eigentlich ist er immer noch stattlich, mit grauem Kopfhaar zwar, aber wenigstens hat er noch welches, und zwar durchaus genügend. Aber sein Gesicht ist grau geworden, und er schleppt mindestens 15 Kilo zu viel mit sich herum. Er weiss, dass er etwas an sich ändern muss. Aber Sport war nie seine Leidenschaft. Er dreht seinen Kopf zum Zimmerspiegel und betrachtet sich genauer. Dann stellt er fest, dass er unrasiert ist. Er hat wieder geduscht, ohne sich vorher zu rasieren. «Also dann halt jetzt», sagt er sich, geht ins Bad, feuchtet die Haut an, verteilt den Rasierschaum und fährt sich langsam mit der Klinge übers Gesicht. Vorsichtig, dass kein verbrauchter Schaum auf das frische Hemd fällt.

Er schläft seit Monaten nicht mehr wirklich gut. Dafür könnte er nach dem Mittagessen regelmässig in den tiefsten Schlaf sinken. Manchmal tut er das auch. Seine persönliche Siesta nimmt er sich, wenn es die Situation erlaubt. «Man wird älter», denkt er und fragt sich, wie lange er diese Arbeitskadenz noch aufrechterhalten kann. Unregelmässige Einsätze, lange Tage und noch längere Nächte sind die Regel. Wie auch immer – entscheidend ist, dass er sich mit seinen 61 Jahren die Pension nicht vergeigen will. Er hat es bis hierhergeschafft, jetzt wird durchgehalten und dann entspannt der Lebensrest in Angriff genommen. Auf die Frage, wie das genau funktionieren soll, hat er bisher keine wirklich passende Antwort gefunden.

Bernardi trocknet sein Gesicht und desinfiziert es mit einem Rasierwasser, dessen Marke ihn bereits ein Leben lang begleitet. Er setzt sich zurück in seinen einfachen Hotelzimmersessel. Er, der Chef der Locarneser Kriminalpolizei, braucht Erholung. Zwar ist er mit seinen Ermittlungen nach wie vor erfolgreich, doch die Anstrengung nimmt zu. Bernardi weiss, dass man sich auch mit bemerkenswerter Selbstkontrolle in ein Burn-out hineinarbeiten kann. Er kann das nicht länger ignorieren. Giulia, seine Frau, meint denn auch, dass er für eine Weile von der Bildfläche verschwinden oder wenigstens nicht jeden Tag in der Schusslinie stehen soll. Ein Ort, nicht allzu weit weg, wäre ideal. Gerade so weit entfernt, dass sie sich jederzeit problemlos sehen können, aber mit genügend Distanz zum unmittelbaren Tagesgeschäft und einer Aussicht auf andere Orte und Dinge im Leben. Ruhe und Inspiration wünscht er sich. «Irgendwann solltest du deine Überstunden abbauen, Cecco. Meinst du nicht auch?», hat Giulia Anfang Jahr erklärt, als der Jahresabschluss im Kommissariat das Gespräch wieder auf diesen Punkt gebracht hat.

Michaela, seine Tochter, drängt ihn schon lange zu einem Sprachkurs. Er solle jetzt endlich besser Deutsch lernen, damit er das Tessin in der Deutschschweiz im Kreis der Kommissare adäquater vertreten könne. Es gäbe prächtige Sprach-Apps, die ihn dabei bestens unterstützen könnten. Als neue Morgenroutine wären die 10 Minuten Deutschkurs problemlos leistbar. Bernardi konnte keine Argumente dagegen finden, wie jedesmal bei seiner Tochter, die sich beim Filmfestival Locarno engagiert und international kommuniziert, wann immer sich die Gelegenheit bietet. Das Liceo mit seinen Deutschlektionen hatten bei ihm tatsächlich keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Er kennt seine Tochter allerdings gut. Da steckt irgendetwas dahinter. Er hat aber noch nicht herausgefunden, was.

Professoressa Giulia Bernardi ist Dozentin am Conservatorio in Lugano. Mit 52 Jahren ist sie in ihren besten Jahren und kann die Jugendlichen mit der richtigen Balance von Sanftheit und Härte zu erstaunlichen Leistungen bewegen. Sie gehört zu jenen wenigen Musikern, die sich der Oboe verschrieben haben. Bernardi hört sich auf dem Handy das letzte Konzert seiner Frau an. Sie hat einen wunderbaren Ton. Wann hat Giulia geschrieben, dass sie ihn das nächste Mal besuchen kommt? Zum Kurhaus ist es mit ihrer alten C-Klasse in knapp 20 Minuten zu schaffen. Der Wagen ist nicht schnell, aber zuverlässig und hat Platz für Instrumente und die Dinge, die für Konzerte ihrer Schüler oft noch schnell herbeigeschafft werden müssen.

Offiziell lautet die Sprachregelung, dass Capo Commissario Francesco Bernardi seine wohlverdiente Auszeit angetreten habe und nun einen Erfahrungsbericht schreibe, in dem er die Muster der von ihm ermittelten Verbrechen ergründen und festhalten will. Das klingt sachlich, wie das Erarbeiten einer Ausbildungsunterlage. Doch es geht dem Commissario in erster Linie um eine Aufarbeitung seiner Erfahrungen in diesem belastenden Umfeld. Er überlegt sich schon seit geraumer Zeit, wie weit er gehen solle. Denn Veröffentlichungen erzeugen im Tessin jeweils etwas Unruhe. Die Dinge sollen ruhen. Nicht unangenehm wieder an die Oberfläche geraten. Aber Bernardi mag diese Spannung.

Es wird heller. Er erkennt durch das Fenster die Umrisse vom gegenüberliegenden Collina d’Oro. Die Silhouette der Chiesa di Sant'Abbondio ist sichtbar. Im Hintergrund werden bald nur noch Wolkenfetzen vor den sich offenbarenden steilen Hängen des San Salvatore übrig bleiben. Hermann Hesse müsste ihn nächstens vom Friedhof in Gentilino her auf der gegenüberliegenden Anhöhe sehen können. War nicht diese Gegend um Montagnola der kleine Monte Verità im Sottoceneri? Davor die A2, die europäische Hauptachse von Norden durch den Gotthard nach Süden. Bernardi beobachtet jeden Abend den Stau. Er reicht regelmässig durch das ganze Luganese. Mehr im Vordergrund die Kantonsstrasse von Ponte Tresa nach Manno und Lugano oder via Autobahn in den ganzen Kanton. Auch auf dieser lokalen Achse ist wegen des Berufsverkehrs oft kein Durchkommen mehr.

«Erstaunlich, was sich die Leute auf ihrer Reise antun», sagt Bernardi in den leeren Raum. «Aber das Tessin war schon immer der erste Sehnsuchtsort der Deutschen und Deutschschweizer.» Bernardi rückt den Computer zurecht. «Ich bin nicht in Schreibstimmung», brummt er, steht auf und geht hinunter zum Aperitivo an die Bar. Bald ist Mittagessen. Er hat noch keine Zeile geschrieben. Aber der Tag kann beginnen. Von unten sind Stimmen zu hören. Andere hatten die gleiche Idee. Eine Stimme ist ihm vertraut. Sein Telefonino zeigt mehrere Anrufe in Abwesenheit. Bernardi hat sie nicht bemerkt.

Zurück zum Anfang

 

Kapitel 2

Croce Alpe Agra

Avvocato Giancarlo Rossini ärgert sich. Jedes Mal muss er für diese Angelegenheit seine Kanzlei in Lugano Centro verlassen und mit dem Wagen die neunzehn Serpentinen (oder einundzwanzig, wenn man jene vom Dorfeingang mitrechnet) von Gravesano, an der Chiesa di Santa Maria o Madonna di Cimaronco vorbei, nach Arosio hinauffahren. Sein Elektroauto schafft die aussergewöhnliche Steigung gut, aber der Verbrauch ist dementsprechend hoch. Doch seinem Alfa Spider Cabrio mochte er die Anstrengung nicht mehr zumuten, obwohl er diesen Wagen über alles liebt. Eine Jugenderinnerung quasi, sein erstes Auto war auch ein Alfa. Aber seine beiden Söhne waren ihm so lange mit ihrer Klimageschichte in den Ohren gelegen, bis auch er in seinen späten Fünfzigern noch den Technologiewechsel vollzog. Wichtig war die Reichweite, also kaufte er den Pionier. Die Marke spricht er heute wegen ihrem exzentrischen Chef nicht mehr gleich offen aus, wie das noch zu Twitter-Zeiten der Fall war. «Aber egal. Fortbewegung in elektrisch ist gut, und die Fahrzeuge sind hervorragend», denkt er sich, und Arosio taucht im Nebel auf. Rossini fährt ins Dorf ein.

Sein Klient ist ein alter Deutschschweizer, der im Dorf ein Rustico gekauft und es über die Jahre umgebaut hat. Zuerst mit Baubewilligung, später die weiteren Änderungen ohne. Es sei keine Baueingabe nötig, war Max Hofer überzeugt, und es ging auch lange gut. Bis zum Punkt, als die Gemeinde am benachbarten Gemeindegrundstück eine bauliche Erweiterung plante, die seinem Kunden überhaupt nicht ins Konzept passte: Die Emissionen seien zu gross, wenn hier plötzlich in seiner unmittelbaren Nachbarschaft Flüchtlinge einquartiert würden, die der Kanton der kleinen Gemeinde zugeteilt hatte. Seinen Unmut tat er ziemlich nachdrücklich kund, und als bei einem Ortstermin der Bauvorsteher der Gemeinde nebenbei nachfragte, seit wann denn der hintere Teil seines Rusticos auch bewohnt würde, hatte der übergewichtige Hofer die Nerven verloren und die Behörde unflätig beleidigt. Auch die folgende Aussprache in der Gemeinde war wenig fruchtbar. Zuletzt sagte der Syndaco, diese Sitzung habe nie stattgefunden, und das Treffen sei damit beendet.

Erschwerend ist, dass Hofers Parzelle tatsächlich ausserhalb der Bauzone liegt und bauliche Tätigkeiten daher sehr hohen Anforderungen genügen müssen. Dass Max Hofer ein langjähriger Wirtschaftsjournalist der Boulevard-Zeitung Blick ist, machte die Situation nicht besser. Wenn Hofer am Draht ist, gehen in den Zürcher Chefetagen die roten Lichter an, und die PR-Abteilungen werden in Gang gesetzt. Ansonsten hält sich das Ganze in Grenzen. Aber die Sache ist insgesamt genügend delikat, dass ein Rechtsbeistand nötig ist, und Rossini ist dazu die beste Adresse. Er löst jeden Rechtsstreit mehr oder weniger zügig. Es ist jeweils eine Frage der Prioritäten und des Honorars.

Der Fall Arosio hat mittlere Priorität. Rossini parkiert seinen Wagen oberhalb in Arosio Sopra und bleibt sitzen. Er nimmt seine braune Ledermappe, öffnet sie und zieht das Dossier heraus. Der Intervallscheibenwischer reinigt vereinzelte Nässe weiter von der Windschutzscheibe. Er setzt seine Brille auf, entfernt die gerade bemerkten Fingerabdrücke sorgfältig und ordnet die Akten fein säuberlich auf dem Beifahrersitz. Die Unterlagen müssen in seiner Anwesenheit von Hofer unterzeichnet werden. Alles ist wie immer perfekt vorbereitet.

Es ist knapp vor 10 Uhr. Der Zeitplan stimmt. Er würde anschliessend seinen Freund Bernardi im Kurhaus in Cademario zum Apéro treffen. Sie hatten miteinander als Teenager das Liceo in Bellinzona besucht und kannten sich also seit ihrer Jugend. Rossini spannt den Schirm auf und steigt aus. Er schliesst den Wagen zu und rückt den Anzug zurecht. Die Liegenschaft liegt 50 Meter entfernt. Hofer erwartet ihn mit einer Tazza grande. «Bongiorno Signor Hofer, come stai?» - «Grüezi Herr Rossini, den Umständen entsprechend. Nehmen Sie bitte Platz. Einen Kaffee?» - «Piacere, si, grazie.» Die beiden Herren setzen sich an den Tisch im Hauptraum des Rusticos und legen ihre Dinge zurecht. Der Kaffee duftet gut.

In diesem Augenblick hören sie den Schrei einer Frau. Lärm kommt auf. Laute Stimmen sind jeweils nichts Ungewöhnliches. Tessiner rufen sich beim Arbeiten oft über Distanz laut zu. Überraschend aber ist die Tonlage einer Frau und der Zeitpunkt eines ruhigen Morgens. Die beiden Männer schauen sich an und stehen auf. Sie gehen ans Fenster. Draussen zeigt eine Frau aufgeregt nach Süden auf den gegenüberliegenden Hügelzug. Neugierig umringt von einigen Bauarbeitern der nahen Baustelle. Ihr Hund bellt im Takt ihrer Nervosität. Es ist nichts zu verstehen. 

Rossini vermutet das Croce Alpe Agra. Hofer pflichtet ihm bei und holt den Feldstecher. Er schaut durch das alte Armeemodell. Hofer wird bleich. Rossini hat ihn noch nie so gesehen. Er nimmt sich das Instrument, sein Atem stockt. Er setzt den Feldstecher ab und wieder auf. Er hört, wie Hofers Atem neben ihm schwer geht und er sich setzt. Rossini schaut nochmals durch das Okular. Die Szene ist unverändert. Unglaublich und schrecklich zugleich.

Am Kreuz ist ein Mensch festgebunden. Es ist unklar, ob er noch lebt. Seine Hand bewegt sich. Der Mensch grüsst Rossini langsam, aber klar erkennbar. «Hier macht sich jemand einen schlechten Scherz, nicht wahr?», schiesst es ihm durch den Kopf. Hofer hat die Nummer der Kriminalpolizei gewählt und reicht Rossini sprachlos das Telefon. «Pronto? Avvocato Rossini am Apparat. Ich melde einen Mord.»

Die Unterlagen sind rasch unterschrieben. Die beiden Männer verabschieden sich. Rossini fährt durch das Alto Malcantone hinüber nach Cademario. Hofer telefoniert mit seiner Redaktion in Zürich. Rossini versucht erfolglos, Bernardi zu erreichen. Es hat wieder stark zu regnen begonnen.

Zurück zum Anfang

 

Kapitel 3

Ferrari

«Max, was überlegst du? Diese Fotos brauchen wir. Holen wir uns diesen Primeur!» Natürlich hat sein Chefredaktor recht. Hofer nimmt den Feldstecher und schaut zum Kreuz hinüber. «Keine Polizei dort, der Tatort ist noch unberührt», sagt Hofer ins Telefon. «Also, was zögerst du?», tönt die Stimme vom anderen Ende. Damit ist das Gespräch beendet, und Hofer fasst den Entschluss, die kurze Distanz mit seinem E-Bike in Angriff zu nehmen. Das ist trotz seines Übergewichts noch körperlich zu leisten, denn er hatte sich letzten Sommer die starke Motorenversion geleistet. Er, der passionierte ehemalige Radfahrer, hatte früher den «Giro di Malcantone» als persönliche Challenge geleistet, bis ihm das Ganze zu anstrengend wurde. Die Abfahrt nach Gravesano wurde ihm auch zu gefährlich. Das Auto ist keine Option, zu oft sind diese Strassen gesperrt und vorwurfsvoll dreinschauende Spaziergänger und Wanderer tun ihr Übriges. Er kann es sich auch nicht leisten, mitten im Transfer wegen eines Hindernisses hängen zu bleiben.

Er sucht seine Kamera, schraubt jenes Objektiv drauf, mit dem er auch weitere Distanzen nah heranholen kann. Mittlerweile ist es nach elf Uhr, und sein Wettlauf mit der Polizei hat begonnen. Er überquert die Kantonsstrasse und fährt dank elektrischer Unterstützung zügig die nassen Strässchen hinunter und auf der anderen Seite wieder hinauf, am Grotto Sgambada vorbei in Richtung zur Agra bassa, dem nördlichen Teil der Alpe Agra. Dort steht das Croce Alpe Agra. Sein Flurname Firàd di Frönt bedeutet etwa «am vorderen Ferrari». «Wahrscheinlich hat das Grundstück einmal einer Familie Ferrari gehört, und sie dürften Schmiede gewesen sein oder sonst etwas mit Eisen zu tun gehabt haben», lässt Hofer seinen Gedanken Lauf.

An diesem prominenten Punkt eröffnet sich eine beeindruckende Arena mit Bergen, die das Malcantone und den Tessiner Südteil Sotto Ceneri gegen Norden abschliessen. Nördlich folgt das Sopra Ceneri, und dort liegt der Lago Maggiore majestätisch im Tal des Ticino. Der Monte Ferraro ist zweifellos ein beeindruckender Akzent in dieser Kette. Der Böcc dal Fer gehört mit dazu (Tessiner Dialekt für «Eisenloch»), dort finden sich noch historische Reste von Eisenbergwerken und Öfen, wo einst Eisen verhüttet wurde. «Dieser Sausiech!», hatte Hofer den Hang genannt, nachdem er ihn einmal fast nur auf allen Vieren hochkriechend erklommen hatte. «Der Eisenerzabbau war hart. Mit Schlitten haben sie das Erz zu den Öfen gebracht. Das muss man sich einfach mal vorstellen.»

Er konnte sich also ruhig auch ein wenig anstrengen und in einem Zug den Hang hinauffahren. Der Eisenerzabbau wurde 1870 eingestellt. Der Journalist hatte für das Jahrbuch von Arosio einen historischen Beitrag dazu geschrieben. Seine damaligen Recherchen haben viel zu seinem Verständnis zu Mensch und Land dieses abgeschiedenen Tales beigetragen. Diese Dinge gehen ihm durch den Kopf, als ihn ausgangs der nächsten Kurve nach dem Grotto aus einem Steinhaus eine Sau laut quiekend erschreckt.

«Verdammt nochmal, das ist ja gemeingefährlich», entfährt es Hofer. Erschrocken hatte er nicht damit gerechnet, dass in diesem wenig tierfreundlichen, überbetonierten Gebäude Tiere gehalten werden. Der Puls jagt ins Maximum. Aber er hält die Balance. Beim zweiten Blick erkennt er auch den waagrechten Holzbalken etwa auf drei Meter Höhe. Offenbar werden die Tiere hier auch geschlachtet und danach aufgehängt.

Der Regen behindert ihn beim Fahren. Die Sicht ist schlecht. Gute Entscheidung heute Morgen mit den Kontaktlinsen, mit Brille wäre das jetzt nicht möglich. Trotz Motor kommt Hofer ins Schnaufen. Er schwitzt unter der Windjacke. Zum Glück hat er die Kamera in einer Tasche gut verstaut. Er gelangt zur Waldkreuzung und wählt nach dem Granitbrunnen den Weg nach rechts direkt hinauf zum Kreuz. Vor dem Waldausgang bei der Ausweichstelle lässt er das Fahrrad stehen und nimmt die Kamera, schaut durch den Sucher zum Ziel. Er drückt zweimal ab. Korrigiert die Brennweite und zoomt näher heran. Er drückt wieder ab.

Aus seinem Winkel sieht er das Kreuz von hinten, und der vorne hängende Körper bleibt davon verdeckt. Hofer blickt sich um. Auch auf die entgegengesetzte Seite zur grossen halben Birke hin. Ein Blitzeinschlag hatte sie einmal geteilt, doch sie hat überlebt. Nichts ist auffällig. Doch dieser Kraftort wirkt auf ihn selbst heute beruhigend. Oft sitzen Wandergruppen auf der Bank in der Nähe des Kreuzes und geniessen bei schönem Wetter die Aussicht nach Arosio, auch zu den Bergen auf der anderen Seite in Richtung Denti della Vecchia und weiter zu den italienischen Alpen. Im Winter liegt dort oft Schnee. Jetzt ist die Bank leer. Er hätte trotzdem Leute erwartet. «Wahrscheinlich ist das Wetter zu schlecht», sagt er zu sich. Heute nimmt der Nieselregen jeden Kontrast. Arosio ist jetzt einigermassen zu erkennen. Die Umrisse des Kreuzes sind scharf. Wie nahe soll er an den Tatort heran gehen? Er verlässt den Weg und stapft ein paar Meter durch das hohe Gras. Er ist offensichtlich nicht der erste. Das Gras liegt in einer Schneise am Boden, direkt in Richtung Kreuz. Es wird ihm klar, dass er im Begriff ist, mögliche Spuren zu vernichten. Er stockt und geht rückwärts. Er macht einen erheblichen Bogen um den Tatort und kommt zum Punkt, wo er die beste Sicht hat.

Am Kreuz hängt ein Mann. Er ist an den Kreuzarmen mit dicken Spanngurten festgebunden. Die Beine ebenfalls an der Säule. Sein Mund ist zugeklebt und geknebelt. Die Augen weit aufgerissen. Sie sind stark gerötet. Er muss lange geweint haben. «Erstickt?», denkt Hofer. Er macht eine Nahaufnahme vom blau angelaufenen verdreckten Gesicht. Dann eine Halbtotale und nochmals ein kleineres Zoom, damit er die ganze Szenerie vollständig erfasst.

Jetzt fällt es Hofer auf: Dieser Mann trägt einen Anzug. Vielmehr einen Smoking. Dazu teure Schuhe. Das sind doch Scribe von Bally? Gibt es dieses Modell noch? In der Brusttasche steckt ein Seidentuch in einem zarten Violett. Fliege und Kummerbund habe die gleiche Farbe. Hofer wird klar, warum Rossini dachte, dass ihm zugewunken wird. Das Foulard wird offensichtlich verzweifelt von der rechten Hand festgeklammert. Das andere Ende bewegt sich im Wind. Das Wasser trieft aus der Kleidung, das weisse Hemd hat grüne Grasflecken. Der Körper musste kopfüber durch die Wiese zum Kreuz geschleift worden sein.

Hofer ringt sich nochmals einen Blick auf das verdreckte Gesicht des vielleicht 25-jährigen Mannes ab. Dann entfährt es ihm: «Das kann nicht sein! Das ist Ferry! Das ist der Sohn von Fred Ferrari!» Hofer schluckt und glaubt seinen Augen nicht. Alfredo Ferrari ist einer der wichtigsten Bauunternehmer im Tessin. Unter seiner Regie wurde in Lugano mit dem LAC Lugano Arte e Cultura nach Jahrzehnten ein adäquates Kulturzentrum gebaut. Ferry ist Freds jüngster Sohn, und dessen Extravaganz ist stadtbekannt. «Sollte der nicht bei seiner Mutter in Miami sein?», überlegt Hofer. Nach der Trennung hatten Mutter und jüngster Sohn die Villa Favorita in Castagnola und damit Mann und Vater verlassen. Doch Fred blieb nicht lange alleine.

 Hofer hört unten im Tal die Sirene eines Polizeiwagens näherkommen. Er hat keine Lust, sich mit der Polizei auszutauschen. Als Sicherung macht er noch ein paar Fotos mit seinem Telefon. «OK, verschwinden wir», murmelt er sich zu. Rasch geht er zu seinem Fahrrad zurück. Dieses Mal nimmt er den anderen Weg und fährt nochmals am Kreuz vorbei. Nach der starken Rechtskurve gibt er Gas und fährt direkt zum Grotto hinunter. Der Weg ist ungemütlich. Die Landwirtschaftsfahrzeuge hinterlassen gefährliche Spurrinnen, die für Fahrräder wie Tramgleise in der Stadt zur tückischen Falle werden können.

Zufrieden mit sich überlegt er sich die richtige Headline zu den Fotos. «Tod am Eisenkopf» ist ihm zu theatralisch. «Gekreuzigt im Malcantone» passt besser zur Onlineausgabe. Er würde «Ferry gekreuzigt!» nehmen. Das sitzt. Er steuert das Fahrrad durch eine tiefe Pfütze. Hinter ihm heult ein Motor auf. Ein Geländewagen fährt in hoher Geschwindigkeit auf ihn zu und erfasst den Journalisten mit voller Kraft. Hofer inklusive Fahrrad wird regelrecht wegkatapultiert. In den Augenwinkeln glaubt er einen Landrover zu erkennen. Dunkelblau möglicherweise, die Scheinwerfer typisch nahe beieinander.

Der Aufprall lässt seinen Atem stocken. Er stürzt den Hang hinunter. Seine Brust schnürt sich zu. Er kann sich nicht bewegen. Sein Blick erfasst die Kamera. Sie ist zerbrochen und wahrscheinlich vollständig zerstört. Hofer nimmt seine Umgebung wahr, aber für mehr hat er keine Kraft. Sein Telefon muss er verloren haben. Das Gefühl für Zeit geht verloren. Sie dehnt sich eigentümlich. Weit weg hört er Polizeisirenen. Dann realisiert er, dass ein Motor abgestellt wird. Er versucht sich aufzurichten. Es gelingt ihm nicht. Seine Arme knicken ein. Er hört hinter sich Schritte im Dickicht. Hofer spürt plötzlich einen schweren Schlag auf den Kopf. Er fällt in Ohnmacht.

Zurück zum Anfang

 

Kapitel 4

Bianco Rovere

Rossinis Wagen ist noch zu 48 Prozent geladen. Heute Nacht lädt er ihn wieder auf. Vorsichtig lenkt er sein Fahrzeug durch die engen Strassen hinunter zur Kantonsstrasse. Unendlich viele Male praktiziert, setzt er den Blinker nach rechts und blickt nach links. Alles frei. Er will losfahren und muss nochmals abrupt abbremsen. Ein dunkler Geländewagen kommt ihm aus Richtung Mugena in übersetzter Geschwindigkeit entgegen. «Diese Leute sind wohl lebensmüde. Etwas rücksichtsvoller wäre doch für alle angenehmer. Wir sind hier in Tessiner Dörfchen unterwegs und nicht auf einer Rennstrecke», ärgert er sich heute nun zum zweiten Mal, blickt in den Rückspiegel und sieht, wie das Geländefahrzeug ohne zu blinken mit quasi unverminderter Geschwindigkeit zum Grotto Sgambada abbiegt. Es ist die Strasse hinauf zum Croce Alpe Agra.

Rossini muss sich wieder in Fahrtrichtung konzentrieren. Denn das kommende Postauto vor ihm füllt die ganze Strasse aus. Der Chauffeur blickt lässig durch die schwarze Sonnenbrille, steuert seinen bald mit Kindern gefüllten Bus durch die Enge und nickt Rossini nach der Passage dankend zu. Ohne eine Miene zu verziehen, wie das nur Buschauffeure können. Die grossen Scheibenwischer winken Rossini entgegen. Glücklicherweise ist heute Dienstag und nicht Wochenende. Sonst würden bestimmt noch Radfahrertruppen die Strassen unsicher machen oder Touristen aus der Deutschschweiz mitten auf der Strasse anhalten und nach dem Weg fragen. Rossini hat freie Fahrt. Der Regen hat etwas nachgelassen, aber der Nebel wabert umso stärker in Fetzen über der Landschaft. Bis nach Breno fährt er den Umständen entsprechend entspannt und würde dort nach links in Richtung Cademario abbiegen. Er versucht es nochmals. Aber auch jetzt nimmt Bernardi seinen Anruf nicht entgegen.

Das Kreuz geht ihm nicht aus dem Sinn. Es markiert den Ort des perfekten Lichts. Initiator für diese Idee war Dr. Adolf Keller. Er war ein Verfechter der Helio-/Lichttherapie. Er suchte Anfang des 20. Jahrhunderts im Tessin nach dem Ort mit der absolut höchsten Sonnenscheindauer und der besten bioklimatischen Lage. Hofer hat diese Geschichte für Rossini zusammengetragen. Sie rundet heute den Ursprung der Tessiner Luxushotellerie ab. Dr. Kellers Wahl fiel also auf Arosio. Es sollte ein Kurhaus an bester Lage werden und den geplagten Menschen aus dem Norden neue Energie spenden. Doch der Landerwerb scheiterte. Dieser Deutschschweizer mit seinen modernen Ideen machte die Einheimischen wohl misstrauisch. Dr. Keller wanderte in der Folge über die Hügelzüge weiter nach Südwesten und fand in Cademario einen noch geeigneteren Ort. Denn er lag über der Nebelgrenze, das Panorama auf den Luganersee war spektakulär und die Sonnenlicht-Exposition für Luftkuren ausgezeichnet.

«Aus diesem Grund treffe ich heute Bernardi nicht in Arosio, sondern in Cademario», sagt sich Rossini und biegt auf der Anhöhe von Lisone nach links ab. Er fährt die Via Kurhaus hinauf zum Hotel und stellt seinen Wagen auf den grosszügigen Parkplatz. Er öffnet die Türe, streckt den Regenschirm hinaus und öffnet ihn. Dann geht er rasch zum Eingang, um trocken zu bleiben.

Das Kurhaus Cademario ist ein eindrückliches Gebäude. Hoch über dem Luganese gelegen. 1913 wurde mit dem Bau begonnen, nach der Jahrtausendwende wurde es von Grund auf kernsaniert. 2013 öffnete es nach 100 Jahren der Grundsteinlegung seinen neuen Gästen wieder seine Pforten. Dies wurde dank einflussreicher und finanzstarker Förderer der Tessiner Luxushotellerie möglich. Rossini war an der Gründung der Hotelgruppe beteiligt gewesen. Das Kurhaus in Cademario, die Villa Sassa in Lugano, Villa und Park Hotel Principe Leopoldo auf dem Collina d’Oro und das Hotel Esplanade in Minusio gehören dieser Gruppe. Er hatte den Kauf der Häuser überwacht und die Investorengruppe moderiert.

«Buongiorno, Signore», tönt es von der Rezeption. Rossini erwidert den Gruss mit einem Nicken und geht in die angrenzende Bar. Er sucht sich sein Tischchen in der Nähe eines Fensters, setzt sich und wartet angespannt auf seinen Freund. Er telefoniert ihm nochmals erfolglos. Beim nächsten Versuch würde er an die Rezeption gehen und das Inhouse-Telefon probieren. Oder besser gerade aufs Zimmer gehen und Bernardi von seinem Spätschlaf aufwecken. 

«Hofer hätte mich schon anrufen können. Er hatte zugesagt, sich direkt nach dem Eintreffen der Polizei zu melden», denkt Rossini. Das Vorkommnis ist zu aussergewöhnlich, um es unkommentiert zu lassen. Und Hofer musste doch jetzt mehr wissen. Rossini wählt Hofers Nummer. Jemand nimmt ab. Lange nichts. «Pronto?», sagt Rossini schliesslich zögernd ins Gerät.

Dann ein Klacken. Das Gegenüber hat sprachlos aufgehängt. Rossini lässt seinen Arm langsam sinken und legt das Gerät erstaunt auf den Tisch. Das war kein Funkloch. Hier wurde der Anruf beendet.

«Was darf es sein, Signore?», begrüsst ihn der Kellner und unterbricht die Szene. Rossini schaut überrascht zum Fragenden und meint «Das Übliche, bitte.» Der Kellner wendet sich ab, doch Rossini ruft ihn zurück und korrigiert: «Nein, zuerst einen Macchiato und nachher gleich einen Bianco Rovere, bitte.» Er zögert. «Haben Sie noch nichts gehört?»

Die Fenster sind weiss geworden.

Zurück zum Anfang

 
 
 

Und niemand weiss, was von uns übrig bleibt.

Die politische Führung und die Verwaltung vertreten mehrheitlich die offizielle Linie zum Paket Schweiz-EU («Bilaterale III»).

Wir hinterfragen diese aus unserer Sicht zu pauschale Haltung. Denn niemand kann heute sicher sagen, was die Konsequenzen aus diesen Abkommen sind.

#Bilaterale3Nein #Sommerserie2026