Ohne Kernkraft keine Energiewende.
Das Energie-Trilemma: Wenn die Schweiz ihren Wohlstand halten will, muss sie der Energiewende ins Auge sehen. Denn es geht um Versorgungssicherheit und damit die Lebensgrundlage jeder modernen Gesellschaft. Das braucht Einsicht und Umdenken.
Energiediskussionen sind in der Schweiz schwierig zu verfolgen, weil die Faktenlage oft diffus ist und in der Regel nur Teilaspekte diskutiert werden. Dabei geht das grosse Bild verloren. Was sind die Eckpunkte, die die Energiewende antreiben, und was ist eigentlich der Finanzierungsbedarf dieses gigantischen Vorhabens?
Getriggert haben uns einerseits die Diskussion über das Kernkrafttechnologieverbot im Ständerat (Link), die revidierte Haltung der EU zur Kernenergie (Link) und andererseits die Aussagen aus Deutschland, die die Kosten für die Energiewende auf 5’000 Milliarden Euro veranschlagen (Link). Zu den Narrativen aus linken und rechten Lagern gesellen sich die nicht wirklich deckungsgleichen Interessenlagen zwischen dem Staat und seinen Stromkonzernen einerseits und der Bevölkerung andererseits.
Wir kommen zum Schluss, dass in der Schweiz der Voranschlag für die Energiewende sowohl inhaltlich als auch finanziell in der öffentlichen Wahrnehmung nur unvollständig auf dem Tisch liegt. Des Langen und Breiten werden im Gegenzug die formalen Sachzwänge diskutiert. Dieses Vorgehen erachten wir als risikoreich und nicht zielführend. Wie will man über Formelles diskutieren, wenn der Inhalt unklar ist? Und: Unfertige Lösungen schaffen Tatsachen, die nur schwer und sehr teuer zu korrigieren sind.
Die Schweizer Konsenspolitik hat ihre Vor- und Nachteile. Aus unserer Sicht werden wirklich grosse politische Vorhaben lanciert, die unausgegoren sind, weil man sich jeweils auf den kleinsten gemeinsamen Nenner verständigt. Lieber einen ersten Schritt tun, als gar nichts tun, ist das Motto. Wir beobachten, dass im Gesamtblick bei grossen Herausforderungen folglich jene Lösungen verfolgt werden, die politisch am ehesten machbar sind. Die Beste muss es nicht sein. Ob damit das Grundproblem gelöst wird, wird nebensächlich. Bei Energie kann diese Haltung jedoch die Versorgungssicherheit gefährden.
Als Paradebeispiel dienen hier die «Bilateralen III», die aus unserer Sicht sogar tatsächlich die schlechteste Variante zwischen EU-Mitgliedschaft, EWR-Mitgliedschaft und diesen Teilintegrationsverträgen ist (Link).
Oder ein halbes Jahr, nach dem der Kernkraftausstieg vom Volk abgelehnt wurde, beschliesst die Schweiz beiläufig ein Technologieverbot, was einem Ausstieg faktisch gleich kommt. Und schaut im Anschluss, was passiert. Solche politischen Vorgehen erachten wir als sehr fragwürdig. Wer rechnen kann, erkennt die Widersprüche und Unvollständigkeit solcher Taktiken.
So sehen wir es auch in der gesamten Energiefrage. Unsere Hypothese ist, dass die Energiewende scheitern wird, wenn sich die Schweiz weiterhin verzettelt, das elementare Spannungsfeld nicht klar benennt und dieses nicht in eine gesellschaftlich verträgliche Balance bringt:
«Zuwanderung wie bisher»,
«Wohlstandserhalt für alle» und
«Nachhaltigkeit mit CO2-Neutralität».
Das ist es doch, was alle wollen. Dabei spielt die Physik eine entscheidende Rolle.
Unseres Erachtens lassen Bundesrat und Verwaltung die Bevölkerung im Glauben, dass jeder dieser drei Faktoren auch künftig unverändert, also ohne Abstriche, möglich sei. Das ist nachvollziehbar, weil die Ehrlichkeit über die Konsequenzen erheblichen Zündstoff beinhaltet und angesichts des finanziellen Mittelbedarfs den sozialen Frieden mit grosser Wahrscheinlichkeit gefährden könnte.
Der folgende Artikel soll hier klären und als Impuls für eine neue, zielführende Energiediskussion dienen.
Roland Voser & Maurizio Vogrig, 19. März 2026.
1. Was ist der zweckmässige Rahmen für das Energiekonzept?
Energie ist der Treiber jeder modernen Gesellschaft. Ihre Bedeutung wird weiter zunehmen.
Im Kern stellt sich die Frage, mit welchen Energieträgern der künftige Bedarf der Schweiz gedeckt werden kann. Nicht primär in ferner Zukunft, sondern jetzt ist von Interesse, wie dies ab heute erfolgen kann, mit einem Horizont über die nächsten 25 Jahre. Dabei ist die Monatsbetrachtung entscheidend, denn in den Wintermonaten fehlt Energie, und in den Sommermonaten sind Überschüsse vorhanden.
Wir haben auch gelernt, dass Energie nicht ohne Weiteres vom Sommer in den Winter transportiert werden kann, denn sowohl die Speicherung als auch die Übertragungsnetze haben physikalische Grenzen. Dabei darf nicht mit Durchschnittswerten gerechnet werden. Das Energiesystem muss für die Lastspitze im Januar ausgelegt sein.
Daraus ergibt sich der Fokus auf die Wintermonate. Die zentrale Grundfrage ist: Wie kann die Schweiz ohne strukturell erforderliche Importe selbst und aus eigener Kraft die nötige CO2-neutrale Winterenergie gesichert bereitstellen?
Wir nehmen also bewusst den anspruchsvollsten Fall für unsere theoretische Betrachtung an. Wenn die Praxis Erleichterungen beisteuert, dann sind sie willkommene Hilfen in der realen Umsetzung. Und wenn sich künftig bessere technische Lösungen ergeben, dann helfen diese bei der vertieften Stabilisierung der Versorgungssicherheit und eines nachhaltigen Wohlstands.
Ein Energiekonzept 2050 für die Schweiz müsste aus unserer Sicht folgende Prämissen erfüllen:
Fossile vollständig abgelöst
Zielgerichtete Zuwanderung im gleichen Masse wie in den letzten 25 Jahren
Gleichbleibender Wohlstand für alle
CO2-neutraler Ersatz bzw. Erneuerung und Ausbau bestehender Kernkraft
Kein strukturell erforderlicher Energieimport
Einwänden, diese Prämissen seien zu einschränkend, entgegnen wir, dass diese Prämissen im Grunde der korrekte Rahmen für eine weltweit erfolgreiche Energiewende sind. Wenn also die Schweiz diese nicht einhalten kann, wer denn sonst?
Die damit implizit verbundene Autarkie entstammt also nicht einer nostalgischen «Reduit-Haltung», sondern wird schlicht unausweichlich, wenn die Energiewende konsequent und versorgungssicher verfolgt werden soll.
2. Wo steht die Schweiz heute?
Die Schweiz deckt ihren heutigen Endenergiebedarf überwiegend mit Energieträgern, die unter den genannten Prämissen nicht bestehen bleiben können. Gemäss Bundesamt für Energie lag der Endenergieverbrauch 2024 bei 776'220 TJ, also rund 216 TWh (Link Gesamtenergiestatistik und Link Publikation, inkl. Schätzung 2025). Davon entfielen auf:
Fossile Energieträger und nicht erneuerbare Anteile (70,1 %):
45,7 Prozent auf Erdölprodukte (Brenn- und Treibstoffe)
12,3 Prozent auf Gas
0,3 Prozent auf Kohle
11,8 Prozent auf nicht erneuerbare Anteile (Kernenergie im Strommix, fossile Anteile in Fernwärme und Industrieabfällen) sowie statistische Differenz
Erneuerbare Energieträger (29,9 %):
26,7 Prozent auf Elektrizität (erneuerbarer Anteil aus Wasserkraft, PV, Wind)
5,4 Prozent auf Holzenergie
4,9 Prozent auf übrige erneuerbare Energien (Umweltwärme, Sonne, Wind, Biogas)
3,1 Prozent auf Fernwärme (erneuerbarer Anteil)
1,5 Prozent auf Industrieabfälle (erneuerbarer Anteil)
Unter den hier gesetzten Prämissen müssten deshalb vor allem die nicht CO2-neutralen Energieträger ersetzt werden. Das betrifft in erster Linie die Erdölprodukte, das Gas sowie die kleinen fossilen Restanteile wie Kohle.
Nicht grundsätzlich ersetzt werden müssten dagegen die bereits CO2-armen oder erneuerbaren Energieträger, also insbesondere Wasserkraft, bestehende und zu erneuernde Kernkraft, Holz und übrige Biomasse, Umweltwärme, Solarenergie, Windenergie sowie weitere erneuerbare Anteile innerhalb des Energiesystems.
3. Was sind die wichtigsten Herausforderungen?
Die eigentliche Herausforderung besteht darin, dass der heutige fossile Anteil von rund 70 Prozent des Endenergieverbrauchs nicht einfach wegfällt, sondern durch CO2-neutrale Energie ersetzt werden muss. Das entspricht auf Basis der heutigen Struktur einer Grössenordnung von rund 151 TWh pro Jahr.
Unter der zusätzlichen Annahme einer weiterlaufenden Zuwanderung im bisherigen Ausmass und eines gehaltenen Wohlstands ist deshalb eher von einem Zubaubedarf in der Grössenordnung von rund 150 bis 160 TWh CO2-neutraler Energie bis 2050 auszugehen (Link Energieperspektiven 2050+ und Link Bericht Energieperspektiven).
Zwar kann die Elektrifizierung den Endenergiebedarf massiv senken, da Stromlösungen physikalisch effizienter sind. Ein Elektroauto benötigt für dieselbe Strecke nur etwa ein Drittel der Energie eines Verbrenners; eine Wärmepumpe macht aus einer Einheit Strom dank Umgebungswärme das Dreifache an Heizenergie (COP 3).
Unter Berücksichtigung dieser rein physikalischen Effizienzfaktoren reduziert sich der Ersatzbedarf von 151 TWh fossiler Energie auf ca. 50 bis 60 TWh zusätzlichen CO2-neutralen Strom.
Der Branchenverband VSE prognostiziert in seinen Szenarien einen Anstieg des Gesamtstrombedarfs auf lediglich 80 bis 95 TWh. Diese Zahlen erscheinen uns jedoch als unrealistisch, da sie über die technische Effizienz hinaus massives Einsparverhalten und somit einen faktischen Wohlstandsverzicht voraussetzen.
Wir rechnen stattdessen mit einem theoretischen Bedarf von ca. 116 TWh: Also der Summe aus dem heutigen Stromverbrauch (ca. 56 TWh) plus dem notwendigen Netto-Zubaubedarf von rund 60 TWh für die vollständige Dekarbonisierung (also 40% des aktuellen fossilen Verbrauchs). Zusammen mit dem Ersatz der bestehenden Kernkraftwerke (ca. 25 TWh) ergibt sich so ein Gesamtbedarf an gesicherter Produktion von rund 75 bis 85 TWh. Das ändert nichts daran, dass die Schweiz insbesondere für die Lastspitzen in den Wintermonaten massiv zubauen muss (Link Monitoring-Bericht 2025).
Kritisch sind die Wintermonate, weil dort der Bedarf nachvollziehbar deutlich höher ist. Entscheidend ist dabei nicht der gesamte Winterenergieverbrauch als solcher, sondern jene gesicherte Winterenergie, die nach Abzug der zuverlässig verfügbaren inländischen Produktion zusätzlich CO2-neutral bereitgestellt werden müsste. Diese Winterdeckung ist der neuralgische Punkt der Versorgungssicherheit (Link ElCom News und Link ElCom PDF Winterproduktionsfähigkeit).
CO2-neutral lässt sich diese gesicherte Winterenergie grundsätzlich über Strom und strombasierte Systeme decken. Für die hier interessierende zusätzliche, gesicherte Winterenergie kommen deshalb im Kern Windkraft, Kernkraft oder eine Kombination davon in Betracht. Wir konzentrieren uns auf die heute verfügbaren Technologien, obwohl vielversprechende neue Innovationen in Entwicklung sind (z.B. Link Transmutex).
4. Was sind die Eckpunkte für Kernkraft?
Ein zukünftiges Kernkraftwerk für die Schweiz wäre wohl ein AP1000 von Westinghouse, ein APR1400 von KHNP oder ein ähnlicher moderner Druckwasserreaktor (Link Westinghouse AP1000 und Link KHNP APR1400).
Es wäre in einer ähnlichen Leistungsgrössenordnung wie Gösgen und etwas kleiner als Leibstadt, würde als grobe Planungsgrösse rund 10 Milliarden Franken kosten, wobei je nach Standort, Bewilligungsverfahren, Finanzierung und Bauverlauf auch 12 bis 15 Milliarden Franken realistisch sein können, jährlich ungefähr 10 bis 12 TWh Strom liefern und rein technisch ab Bewilligung bis zur Inbetriebnahme realistischerweise etwa 5 bis 7 Jahre Bauzeit benötigen (Link Westinghouse AP1000, Link KHNP APR1400 und Link World Nuclear Association).
5. Was sind die Eckpunkte für Windkraft?
Ein zukünftiger Windpark für die Schweiz würde wohl aus modernen Onshore-Anlagen der 6- bis 7-MW-Klasse bestehen, etwa einer Vestas V172-7.2 MW oder einer ähnlichen Turbine (Link Vestas V172-7.2 MW).
Ein Park mit sechs solchen Anlagen hätte grob 40 MW installierte Leistung, würde als grobe Planungsgrösse etwa 50 bis 80 Millionen Franken kosten, jährlich ungefähr 70 bis 100 GWh Strom liefern, davon rund zwei Drittel im Winter, und rein technisch ab Bewilligung bis zur Inbetriebnahme etwa 1 bis 2 Jahre Bauzeit benötigen (Link Fraunhofer ISE, Link BFE Windenergie und Link Local Energy Scotland).
Für eine jährliche Strommenge als Ersatz für ein modernes Kernkraftwerk (ca. 11 TWh) wären damit grob rund 700 bis 1'000 Windanlagen dieser Klasse und Investitionen von etwa 6 bis 13 Milliarden Franken nötig (Link ENSI Gösgen und Link KKL Leibstadt).
Daneben können auch kleinere und dezentrale Windlösungen sowie zusätzliche Kleinwasserkraft lokal einen Beitrag leisten. Für unsere Grössenordnung rechnen wir hier jedoch bewusst mit den grossen, heute rasch vergleichbaren Referenzanlagen, weil so die nationale Dimension des Zubaubedarfs sichtbar wird.
6. Wie gross ist der Zubaubedarf?
Wenn man für die Schweiz bis 2050 von einem zusätzlichen CO2-neutralen Energiebedarf von rund 60 TWh ausgeht, dann wird die Grössenordnung des Problems mit der Winterfrage sichtbar.
Entscheidend ist nicht nur, wie viel Energie im Jahresmittel fehlt, sondern wie viel davon in den kritischen Wintermonaten gesichert bereitstehen muss. Die ElCom arbeitet dafür mit einem gesetzlichen Richtwert von maximal 5 TWh Nettoimport im Winterhalbjahr. Je nach Nachfrage- und Ausbauszenario reicht die Bandbreite des Winterimportbedarfs bis 2035 aber von 0 bis rund 13 TWh (Link ElCom News und Link ElCom PDF Winterproduktionsfähigkeit).
6.1 Wieviele Kernkraftwerke benötigt es?
Nimmt man als Referenz einen modernen Grossreaktor wie den AP1000, dann liefert ein solcher Reaktor mit 1’110 MW Nettoleistung grob 10 bis 12 TWh Strom pro Jahr. Da Kernkraft über das Jahr relativ gleichmässig produziert, entsprechen diese 10 bis 12 TWh im Jahresmittel ungefähr 5 bis 6 TWh im Winterhalbjahr (Link Westinghouse AP1000).
Rein rechnerisch würde damit bereits 1 AP1000 ungefähr den heutigen gesetzlichen Winterrichtwert von 5 TWh abdecken. Für eine Winterlücke von 13 TWh wären grob 3 AP1000 nötig.
Um den gesamten zusätzlichen Netto-Strombedarf von 60 TWh für die Dekarbonisierung zu decken, wären ca. 5 bis 6 neue Grossreaktoren nötig. Rechnet man den Ersatz der bestehenden Flotte (ca. 25 TWh) hinzu, ergibt sich ein Gesamtbedarf von 7 bis 8 Reaktoren für eine vollständig dekarbonisierte und autarke Schweiz.
Berücksichtigt man darüber hinaus ein anhaltendes Bevölkerungswachstum sowie die Notwendigkeit von Leistungsreserven für extreme Lastspitzen in strengen Wintermonaten, wäre eine Zielgrösse von insgesamt 10 Grossreaktoren die sicherere strategische Ausrichtung für die nationale Versorgungssicherheit.
6.2 Wieviele Windkraftanlagen benötigt es?
Bei der Windkraft sieht das Verhältnis anders aus. Das Bundesamt für Energie hält fest, dass Windanlagen in der Schweiz rund zwei Drittel ihres Stroms im Winterhalbjahr produzieren (Link BFE-Windenergie).
Gleichzeitig verweist der Bund auf ein bedeutendes technisches Windpotenzial von rund 30 TWh pro Jahr, davon 20 TWh im Winter (Link BFE-Windpotenzialstudie). Auf Basis unseres bisherigen Referenzparks mit sechs modernen 7.2-MW-Anlagen und einem Jahresertrag von etwa 70 bis 100 GWh ergibt sich pro einzelne Anlage ein Jahresertrag von rund 11.7 bis 16.7 GWh. Davon fallen im Winter etwa 7.8 bis 11.1 GWh an (Link Vestas V172-7.2 MW und Link Fraunhofer ISE).
Um eine Winterlücke von 5 TWh zu decken, wären deshalb grob 450 bis 640 solcher Anlagen nötig. Für 13 TWh Winterlücke läge die Grössenordnung bei rund 1’170 bis 1’670 Anlagen.
Wollte man den zusätzlichen Netto-Strombedarf von 60 TWh pro Jahr allein mit Windkraft decken, ergäbe das rechnerisch rund 3'600 bis 5'100 grosse Windanlagen der 7.2-MW-Klasse.
7. Was sind die Schlussfolgerungen?
Daraus folgt zweierlei.
Für die Winterlücke ist Kernkraft in Bezug auf Energiedichte und gesicherte Leistung um Grössenordnungen konzentrierter als Windkraft.
Windkraft ist trotzdem nicht nebensächlich, weil sie gerade im Winter überproportional liefert (Link BFE-Windenergie).
Windkraft ist daher eine wertvolle Ergänzung, aber nicht der tragende Einzelpfeiler für einen Zubau- und Ersatzbedarf von rund 85 TWh (60 TWh Dekarbonisierung + 25 TWh Ersatz der Altanlagen). Das zeigt schon das offizielle Schweizer Windpotenzial von rund 30 TWh pro Jahr. Selbst wenn dieses Potenzial vollständig genutzt würde, blieben vom Gesamtziel immer noch rund 55 TWh offen. Diese Restmenge entspräche allein nochmals etwa 5 bis 6 AP1000-Reaktoren (Link BFE-Windpotenzialstudie und Link Westinghouse AP1000).
Die nüchterne Schlussfolgerung lautet deshalb: Wenn die Schweiz tatsächlich einen notwendigen Zubau und Ersatz von rund 85 TWh CO2-neutralem Strom decken und zugleich die Winterlücke ohne strukturell erforderliche Importe schliessen will, dann ist das realistisch nicht mit nur einem Energieträger möglich.
Windkraft kann einen wichtigen Winterbeitrag leisten, aber mengenmässig nur einen Teil. Auch die Photovoltaik kann, gerade mit alpinen Anlagen, einen wichtigen Beitrag zur Winterversorgung leisten. Sie ändert aber nichts daran, dass zusätzlich gesicherte, jederzeit verfügbare CO2-neutrale Energie benötigt wird (Link BFE Windenergie und Link BFE Photovoltaik Grossanlagen).
Die eigentliche gesicherte Winterbasis müsste in einem solchen Szenario aus Kernkraft oder einer anderen ebenso konzentrierten, jederzeit verfügbaren CO2-neutralen Energiequelle kommen. Rein rechnerisch erfordert die vollständige Dekarbonisierung bei gleichzeitigem Ersatz der Altanlagen eine Zielgrösse von 7 bis 8 neuen Grossreaktoren oder eine Kombination mit weit über 1’500 grossen Windanlagen für eine spürbare Entlastung der Winterlücke (Link Westinghouse AP1000 und Link BFE-Windpotenzialstudie).
8. Was ist das Fazit daraus?
8.1 Was ist die inhaltliche Betrachtung?
Diese einfache Betrachtung ist ernüchternd. Sie macht klar, dass der Energiebedarf ohne Wohlstandseinbussen und bei weiterem Wachstum realistischerweise nur mit einer Kombination aller verfügbaren CO2-neutralen Energieträger gedeckt werden kann.
Vielleicht haben Sie sich gefragt, weshalb wir den Import ausser Acht lassen. Der Grund ist einfach: In kritischen Perioden haben alle europäischen Länder ihre eigene Winterlücke zu schliessen. Gleichzeitig weiter französischen Atomstrom zu importieren und sich dabei als unabhängig von Kernkraft zu bezeichnen, ist eine Selbsttäuschung, die ein hochentwickeltes Land wie die Schweiz nicht länger verfolgen sollte.
Zusätzlich sind die Netze entscheidend. Können sie diese Mehrbelastung überhaupt tragen? Daraus folgt, dass auch eine kluge Kombination von dezentraler und zentraler Stromproduktion von entscheidender Bedeutung ist. Strom sollte dort produziert werden, wo er möglichst nahe am Verbrauch anfällt. Mit Dezentralität werden die Netze entlastet. Hier punkten die vielen kleinen privaten Photovoltaik-Anlagen. Aber leider primär nur im Sommer.
Zur zukunftsfähigen Stromproduktion gehören also nicht nur grosse zentrale Anlagen, sondern auch dezentrale Lösungen wie Photovoltaik, Kleinwasserkraft, Kleinwind und lokale Verbrauchsgemeinschaften. Sie können Netze entlasten, Eigenverbrauch erhöhen und die Versorgung robuster machen. Sie lösen das Grundproblem der national gesicherten Winterenergie jedoch nicht.
Möglicherweise treffen wir bei den Netzen tatsächlich auf ein gravierendes Hindernis für die Energiewende. Denn die Schweiz soll zusätzlich als Transitland für den Stromausgleich in Europa dienen (Link Swissgrid Stromdrehscheibe Europa). Diesen Effekt haben wir in der vorliegenden Rechnung vollständig ausser Acht gelassen. Um diesem Einfluss entgegenzuwirken, tendieren wir eher zu einer höheren gut in der Schweiz verteilten Anzahl Grossproduktionsanlagen, als wenige Hochleistungskraftwerke mit mehreren Produktionseinheiten am gleichen Ort.
8.2 Was ist die finanzielle Betrachtung?
Damit wird der Investitionsbedarf sehr gross. Allein der nötige Ausbau der Stromproduktion würde nach unserer groben Rechnung Investitionen in hoher zweistelliger bis dreistelliger Milliardenhöhe erfordern.
Würde das gesamte Windkraft-Potenzial von 30 TWh ausgeschöpft, wären dafür etwa 15 bis 35 Milliarden Franken nötig. Würde der verbleibende Bedarf von rund 55 TWh mit Kernkraft gedeckt, wären dafür 5 bis 6 neue Grossreaktoren nötig, wofür rund 60 bis 90 Milliarden Franken investiert werden müssten.
Zusammen mit dem Ersatz der bestehenden Kernkraftwerke (weitere 2 bis 3 Reaktoren) ergibt sich allein für den Ausbau und Erhalt der Stromproduktion ein Investitionsvolumen von grob 120 bis 160 Milliarden Franken. Zählt man den massiven Netzausbau und Speicherlösungen hinzu, landen wir realistischerweise bei geschätzten 150 bis 200 Milliarden Franken. Das entspricht etwa 12 bis 16 Gotthard-Basistunneln. Zum Vergleich: Der Gotthard-Basistunnel kostete 12.2 Milliarden Franken und liegt damit in der Grössenordnung eines Grossreaktors (Link Neat).
Spätestens an dieser Stelle erreichen wir die politische Dimension. Wie soll das alles finanziert werden? Es wären über 25 Jahre 6 bis 8 Milliarden Franken pro Jahr nötig. Der Ertrag aus der Mehrwertsteuer lag 2025 bei knapp 28 Milliarden Franken (Link EFV Voranschlag 2026). Die Mehrwertsteuer müsste also rein rechnerisch um rund 20 bis 30 Prozent beziehungsweise um etwa 1.6 bis 2.5 Prozentpunkte erhöht werden. Hinzu kämen die Kosten für Netzausbau, Speicher, Reservekapazitäten und so weiter.
Der Bund nennt für das Energiesystem bis 2050 eine Gesamtinvestition von rund 1'400 Milliarden Franken. Wie viel davon konkret auf den zusätzlich nötigen Ausbau der CO2-neutralen Stromproduktion entfällt, wenn die Fossilen wegfallen, wird in den publizierten Unterlagen unseres Wissens nicht transparent ausgewiesen (Link Energieperspektiven 2050+ Kurzbericht).
Sichtbar sind die Mehrinvestitionen gegenüber «Weiter wie bisher»: Für «Netto-Null» wären demnach 109 Milliarden Franken nötig, davon rund 38 Milliarden im Stromsystem inklusive Netzinfrastruktur. Diese Zahl erscheint uns erklärungsbedürftig, weil schon unsere grobe Rechnung für den zusätzlichen Ausbau der Stromproduktion auf ein deutlich höheres Investitionsvolumen kommt.
Ein erheblicher Teil dieser Investitionen könnte in der Praxis durchaus durch private Haushalte, Unternehmen und andere private Träger erfolgen, wie bisher etwa bei Photovoltaik, Speichern, Effizienzmassnahmen oder anderen dezentralen Produktionsanlagen. Die volkswirtschaftliche Grössenordnung der Aufgabe bleibt durch eine solche Umverteilung aber unverändert hoch. Die Kosten verschwinden dadurch nicht, sondern werden anders verteilt.
8.3 Was ist das Fazit?
Die wohl grösste Hürde ist allerdings die Ideologie und auch hier wieder die seit Jahren anhaltende Spaltung des Landes in der Energiefrage. Solange hier nach wie vor von «Gegnern» und «Befürwortern» die Rede ist, wird die Schweiz nicht den für eine nachhaltige Zukunft nötigen Kraftakt leisten können. Die Konsequenzen sind Wohlstandsverlust, keine vollständige CO2-Neutralität und ein spürbarer Rückganz des Wirtschaftswachstums bzw. eines Nullwachstums bei der Bevölkerung.
Und selbst wenn das Technologieverbot fällt, braucht ein neues Kernkraftwerk wegen Verfahren, Bewilligungen und möglicher Volksabstimmungen zusätzlich viel Zeit. Das spricht nicht gegen Kernkraft, sondern gegen weiteres politisches Zuwarten.
Dieser Artikel will kein Energiekonzept schreiben. Das ist die Aufgabe des Bundes. Vielmehr zeigen wir auf, dass aus unserer Sicht die Konsequenzen weder inhaltlich noch finanziell genügend belastbar auf dem Tisch liegen. Wir fragen uns, wann der Souverän der Gesamt-Energiewende überhaupt zustimmen kann, also einer Lösung, die das Trilemma verträglich bewältigt, die Prämissen einhält, inhaltlich konkret ist, die Kosten für die Steuerzahler offenlegt und die Finanzierung transparent aufzeigt.
Das Trilemma «Zuwanderung wie bisher», «Wohlstandserhalt für alle» und «Nachhaltigkeit mit CO2-Neutralität» finden wir bisher nirgends gelöst vor. Wir kommen zum Schluss, dass es ohne Kernkraft kaum gehen wird und zwar in einer Dimension von 7 bis 8 Grossanlagen, wenn wir Autarkie und Netto-Null im Winter ernst meinen. Doch da werden die Gegner hart bleiben. So hart, dass sie damit einen Wohlstandsverlust in Kauf nehmen wollen? Vielleicht ist das auch die tatsächliche und trübe Perspektive, weil die Energiewende heute offensichtlich weder inhaltlich genügend fixiert noch finanziell genügend unterlegt ist.
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(c) 2021: Cademario, Malcantone, Kanton Tessin, Schweiz, Foto: Roland Voser
Seit 2018 Chief Editor, Mitbegründer, Verwaltungsrat und Teilhaber von smartmyway, Autor, Coach, Mentor und Berater. Vorher als Geschäftsführer von Media Markt E-Commerce AG, Media Markt Basel AG, Microspot AG sowie in den Geschäftsleitungen von Interdiscount AG und NCR (Schweiz) AG tätig. Heute Digital Business Coach und Schreiberling.
Experte für Digitalisierung, Agile SW-Entwicklung, Digital-Business, Handel, Sales & Marketing, E-Commerce, Strategie, Geschäftsentwicklung, Transformationen, Turn Around, Innovation, Coaching, erneuerbare Energien, Medien, Professional Services, Category Management, Supply Chain Management
